Spurensuche

Heute war der erste Mai. Als Feiertag bedeutet er mir nichts. Wie sollte er auch in einem Pensionistendasein eine besondere Rolle spielen? Ein Tag wie jeder anderen, abgesehen davon, dass die Geschäfte geschlossen haben.

Auf jeden Fall ist eine meiner kleine Freuden, dass ich am ersten Mai nach einem Maistrich Ausschau halte. Noch besser finde ich natürlich mehrere Maistriche.

Meine 8-Kilometer-Runde führt mich über Breitenwaida an Dietersdorf heran und wieder nach Hause. Ich bin heute extra in Breitenwaida einen Umweg zusätzlich gelaufen, auf der Suche nach einem Maistrich. Am Weg aus Furth heraus habe ich kurz geglaubt, dass die weißen Flecken am Recyclingweg womöglich Farbspritzer sein könnten. Das hätte zwar bedeutet, dass jemand, der sich irgendwo am Asphalt verewigt hat, dann von Furth nach Breitenwaida gegangen wäre, noch dazu mit Pinsel oder Farbkübel in der Hand. Ziemlich unwahrscheinlich natürlich, aber theoretisch möglich.

Angeblich stirbt die Hoffnung zuletzt. Ob das so ist, weiß ich nicht. Meine jedenfalls nicht.

Beim Entlanglaufen des Wegs wurde mir klar, dass die Spur nicht von herabtropfender Farbe stammte sondern bloß von Vogelkot.

Vögel gibt es immerhin, Maistriche scheinbar nicht. Weder in Furth noch in Breitenwaida habe ich einen gefunden.

Die einzige Erkenntnis für mich war, dass heute, am 1. Mai, in Breitenwaida so etwas wie ein Floriani-Fest abgehalten wurde. Feldmesse, die eigentlich eine Wiesenmesse war, Hüpfburg für Kinder und Mittagstisch für alle Besucher. Vom Schnitzel, über Schweinsbraten bis Cevapcici. Ein paar andere Sachen gab es auch noch, aber das habe ich mir nicht gemerkt, so beim Vorbeilaufen.

Der Kuckuck hat gerufen. Aber nicht das erste Mal in diesem Jahr. Ich habe ihn schon mehrmals bei meinen Morgenläufen gehört. Das erste Mal habe ich kurz geklimpert, mit Schlüsseln, weil Münzen hatte ich keine bei mir.

Noch so ein Brauch, der wohl verschwindet. Wenn ich daran denke, werde ich nächsten April Münzen zum klimpern mit mir tragen – wenn der Kuckuck ruft.

Ich glaube, das würde dir gefallen 🙂

Eine Parte

Letzte Nacht muss es geschneit haben. Das erklärt natürlich die doch beachtliche Menge Schnee, die heute Morgen auf Straße und Gehsteig liegt. Natürlich habe ich die Garagenauffahrt und den Gehsteig vom Schnee befreit. Jetzt am Nachmittag ist auch die Straße vor dem Haus nahezu  schneefrei, zumindest die Fahrbahn. Es hat getaut.

Nachmittags war ich spazieren, weil die Sonne schien und weil ich derzeit, den widrigen Wetterbedingungen geschuldet, nur selten laufe.  Am Weg nach Hause kam mir Frau R in den Sinn und dann deren Parte. In den Sinn kam sie mir, weil ich die leere Bank am Wegesrand sah, auf der sie manchmal gesessen ist und an der ich immer wenn ich diese Strecke laufe vorbei komme.

Ich hatte nach ihrem Tod eine Parte bekommen und irgendwann, geschätzt nach einem halben Jahr, den Franzi R gefragt, ob er die Parte seiner Mutter haben möchte, um sie aufzuheben oder wofür auch immer. Er meinte, ich könne sie wegwerfen.

So eine Parte wird formuliert, da wird überlegt, gegebenenfalls nach Worten gesucht, dann wird sie gedruckt und versendet oder persönlich zugestellt. Und dann?

Beim Gehen kam mir dann die Gestaltung einer Parte, also meiner Parte, in den Sinn. Ich setze voraus, dass die Kinder eine Parte drucken lassen. Immerhin benötigen sie nicht viele an der Stückzahl.

Mein Ansatz, zumindest derzeit, ist der: Wer im Leben keinen Kontakt mit mir hielt, braucht auch im Tod keinen zu halten. Wobei, das ginge ohnehin nicht. Natürlich ist Kontakthalten keine Einbahnstraße.

Anders formuliert: Wem ich lebend nicht wichtig war, dem brauche ich auch tot nicht wichtig zu sein.

Also, wenn sich nichts gravierend ändert, wird die Zahl an nötigen Parten ziemlich übersichtlich sein: Kinder, Geschwister, Nichten und Neffen, weil es wohl so üblich ist die Schwiegereltern der Kinder, mein Onkel, wenn er noch lebt. Dazu zwei, drei weitere Verwandte und vielleicht eine Handvoll Nichtverwandter. Und aus. Das sind nicht mal zwanzig.

Oft sage ich: Ich habe keine Freunde. Offenbar stimmt das.

Viele Parten braucht es also nicht, aber ich hätte gerne eine Parte, die schön ist. Am liebsten irgendwie so bunt und auch mit Goldfarbe, wie eine russische Ikone.

Natürlich nicht auf Holz. Papier reicht. Selbst das hat mich dann de facto überlebt.

20.2.2026