Bilder von dir

Da gibt es irgendein Lied, moderner wohl eigentlich einen sogenannten Song, in dem es heißt: Bilder von dir überdauern. Das fiel mir zwar ein, als ich den Eintrag betitelt habe, aber dieser Beitrag hat nichts mit dem Lied zu tun.

Zum Einen hast du im  Haus, besser und richtiger statt Haus ist Zuhause, viele Bilder aufgestellt oder auch aufgehängt. Vor allem Bilder mit Texten wie beispielsweise: Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden. Oder: Mein ganzes Glück sagt Mama zu mir. Und auch Fotos von einigen Fotoshootings. Und mehr.

Zum Anderen habe ich einige Fotos von dir aufgestellt und manchmal sehe ich mir Fotos von dir an, die nicht irgendwo im Raum stehen sondern entweder am PC gespeichert sind oder tatsächlich als ausgearbeitetes Foto da sind.

Manchmal, wenn ich mir mehrere Fotos angesehen habe, von Urlauben, von Orten, die wir gemeinsam besucht haben, manchmal habe ich Angst. Oder ich fühle so etwas ähnliches wie Angst, vielleicht habe ich nur eine Befürchtung.

Je mehr oder je öfter ich Fotos betrachte, umso mehr oder öfter schleicht sich eine Angst ein, dich real in der Erinnerung zu „verfälschen“ durch die Bilder die ich betrachte. Ich versuche dann, in mir das reale Bild von dir abzurufen oder zu erzeugen, mich an dich zu erinnern, an dich wirklich, nicht als Abbild am Foto.

Gut ist, dass es Fotos gibt, auf denen du in verschiedenen „Outfits“, aber nicht nur kleidungsmäßig sondern auch frisurmäßig, seriöser Haarschnitt, lange Locken, sommerblond und mehr zu sehen bist. Auf denen du einfach du bist. Bist wie du warst.

Und so bist, wie du bist. In meinen Gedanken, in meinen Gefühlen. Und manchmal im Traum.

Vielleicht würde ich lieber mehr Zeit im Traum verbleiben.

Bei dir.

27.3.2026

Mit den Augen

Heute hatte ich einen Termin beim Optiker meines Vertrauens. Der Spruch „meines Vertrauens“ ist natürlich nicht meine Wortschöpfung. Allerdings muss ich zugeben, ich weiß ad hoc nicht aus welcher Werbung er stammt. Fällt mir vielleicht ein, wenn ich es nicht brauche. Ist so.

Meines Vertrauens bezieht sich aber schon auf die Person des Optikers, nachdem unser langjähriger, wohlbewährter Optiker das Unternehmen verlassen hat, ist ihm sein Ersatzmann quasi ebenbürtig. Finde ich.

Die Wahl des Glases obliegt ihm, dem Optiker. Die Wahl der Fassung letztlich mir. Leider. Aus Dreien zu wählen ist schwierig. Klar sehe ich sie, wie sie vor mir liegen oder mich damit im Spiegel. Mit meinen Augen. Was mir fehlt sind deine Augen. Deine Meinung, dein Blick. Für mich.

Wenig überraschend ist es ein Modell geworden, dass meiner alten Bildschirmbrille doch ähnelt, wenn auch nicht gleicht. Könnte ich, würde ich die gleiche Fassung erneut kaufen. Du weißt. Gibt es aber nicht mehr.

Die neue Fassung habe ich gewählt, weil sie am angenehmsten am Kopf lag. Form und Farbe sind eigentlich egal, weil ich damit vorwiegend vor dem Bildschirm sitze als durch die Welt zu gehen. Wobei, die Welt ist für mich ziemlich überschaubar, eigentlich ist es meine kleine Welt. Mit der großen weiten Welt habe ich nicht viel im Sinn.

Obwohl: manche Orte, die wir besuchen wollten, nochmals, weil wir schon dort waren oder erstmals, habe ich auf einer Art Bucket-List notiert. Ob ich es schaffe welche davon heimzusuchen? Oder alle? Alle eher nicht, welche davon vielleicht.

Ich weiß nicht, ob ich Orte, an denen wir gemeinsam waren alleine besuchen mag. Soll. Oder nicht.

Bei unserem letzten Treffen hat mich Doktor T gefragt: Warum leben Sie nicht?

Wie er das genau gemeint hat, also den Kontext zu dieser Frage, beschreibe ich jetzt hier nicht, aber die Grundsatzfrage war wohl berechtigt, wenn auch so vielleicht nicht gemeint.

Was ist es, was bedeutet es, zu leben? Am Leben zu sein? Oder mehr?

Manchmal wird mir bewusst, wie ich etwas mit den Augen sehe. Mit meinen, aus meinem Blickwinkel. Manchmal sitze ich dann auf deinem Platz. Manches sieht dann anders aus. Hast du das so gesehen?

Ich vermisse dich. Unsagbar.

4.3.2026

Zweiter Monatstag

Heute ist der zweite Monatstag deines Todes. Wir waren am Friedhof, unsere Tochter hat eine rote Rose hingelegt, ich habe die Kerze angezündet, die, ich weiß nicht wie lange schon, dort steht und immer wieder vom Wind ausgeblasen wurde.

Jetzt ist eine zweite Steinplatte an der Urnenwand graviert. Irgendwann später werde ich wissen, dass es eigentlich Kolumbarium heißt und nicht Urnenwand. Die Buchstaben der neu gravierten Platte gefallen uns nicht, sie sind riesig. Scheinbar hat ein Ehepaar das Urnenfach bereits zu Lebzeiten gekauft. Namen und Geburtsjahre sind bereits eingraviert, sonst nichts.

Die Schrift an deiner Platte ist viel schöner, zarter, zierlicher, aber groß genug um sie leicht lesen können. Wir finden es gut, dass das andere Fach nicht an deines grenzt. Die andere Schrift wäre riesig im Vergleich.

Wir waren dort, am Friedhof, zu Hause im Wohnzimmer stehen Bilder von dir, umrahmt mit zwei Kerzen und der kleinen Blumenvase, die ich an deinem letzten Tag ins AKH mitgenommen hatte. Die kleinen weißen Rosen habe ich im Beet vor der Garage abgeschnitten. Seit ein paar Tagen blühen sie wieder zahlreich, wahrscheinlich weil es endlich geregnet hat.

Als ich vier Zeilen weiter oben von der kleinen Blumenvase geschrieben habe, flossen Tränen. So wie jetzt. Ich glaube gestern war der erste und bisher einzige Tag, an dem ich nicht geweint hatte. Warum weiß ich nicht.

Ich vermisse dich. So sehr.

6.8.2022

Eine Parte

Letzte Nacht muss es geschneit haben. Das erklärt natürlich die doch beachtliche Menge Schnee, die heute Morgen auf Straße und Gehsteig liegt. Natürlich habe ich die Garagenauffahrt und den Gehsteig vom Schnee befreit. Jetzt am Nachmittag ist auch die Straße vor dem Haus nahezu  schneefrei, zumindest die Fahrbahn. Es hat getaut.

Nachmittags war ich spazieren, weil die Sonne schien und weil ich derzeit, den widrigen Wetterbedingungen geschuldet, nur selten laufe.  Am Weg nach Hause kam mir Frau R in den Sinn und dann deren Parte. In den Sinn kam sie mir, weil ich die leere Bank am Wegesrand sah, auf der sie manchmal gesessen ist und an der ich immer wenn ich diese Strecke laufe vorbei komme.

Ich hatte nach ihrem Tod eine Parte bekommen und irgendwann, geschätzt nach einem halben Jahr, den Franzi R gefragt, ob er die Parte seiner Mutter haben möchte, um sie aufzuheben oder wofür auch immer. Er meinte, ich könne sie wegwerfen.

So eine Parte wird formuliert, da wird überlegt, gegebenenfalls nach Worten gesucht, dann wird sie gedruckt und versendet oder persönlich zugestellt. Und dann?

Beim Gehen kam mir dann die Gestaltung einer Parte, also meiner Parte, in den Sinn. Ich setze voraus, dass die Kinder eine Parte drucken lassen. Immerhin benötigen sie nicht viele an der Stückzahl.

Mein Ansatz, zumindest derzeit, ist der: Wer im Leben keinen Kontakt mit mir hielt, braucht auch im Tod keinen zu halten. Wobei, das ginge ohnehin nicht. Natürlich ist Kontakthalten keine Einbahnstraße.

Anders formuliert: Wem ich lebend nicht wichtig war, dem brauche ich auch tot nicht wichtig zu sein.

Also, wenn sich nichts gravierend ändert, wird die Zahl an nötigen Parten ziemlich übersichtlich sein: Kinder, Geschwister, Nichten und Neffen, weil es wohl so üblich ist die Schwiegereltern der Kinder, mein Onkel, wenn er noch lebt. Dazu zwei, drei weitere Verwandte und vielleicht eine Handvoll Nichtverwandter. Und aus. Das sind nicht mal zwanzig.

Oft sage ich: Ich habe keine Freunde. Offenbar stimmt das.

Viele Parten braucht es also nicht, aber ich hätte gerne eine Parte, die schön ist. Am liebsten irgendwie so bunt und auch mit Goldfarbe, wie eine russische Ikone.

Natürlich nicht auf Holz. Papier reicht. Selbst das hat mich dann de facto überlebt.

20.2.2026

Im Traum

Heute Nacht, eher schon gegen Morgen, irgendwann zwischen Vier und Sechs, habe ich von dir geträumt.

Ich stand oben auf der Loggia und sah hinunter auf die Straße, hier vor dem Haus. Ein paar Leute, Arbeiter und Nachbarn, hatten irgendwelche Maschinen und fuhren mit Fahrzeuge herum. Die Straße war die hier vor dem Haus, aber die Loggia war eher die Terrasse meiner Großmutter in Freistadt. Ich lehnte am Geländer und sah den Menschen zu, als ich eine Berührung an meiner linken Hand gespürt habe.

Ich habe den Kopf nach links gedreht und da warst du. Du hast mich angesehen, mit dem verträumten Blick, mit dem du mich manchmal angesehen hast.
Als ich dich fragen wollte, wie es dir geht, habe ich nichts herausgebracht, nur deinen Namen und dann „ich liebe dich“.

Mir liefen die Tränen über mein Gesicht, aus Freude, vor Glück. Die ganze Zeit über spürte ich den Druck deiner Finger an meinen. So real, so lebendig, so lange, bis ich aufgewacht bin.
Ich weiß nicht, ob ich schon im Schlaf geweint habe oder erst nachdem ich wach war. Du warst so wirklich, so da.

Wenn ich einmal gehe, dann hätte ich gerne dich vor Augen. So, als würdest du mich abholen.
Ich glaube der Gedanke ist etwas, das mir Angst vor der Endlichkeit nehmen kann.
Ich liebe dich, unendlich.

10.7.2025