2026
Tagebucheinträge oder Texte aus dem Jahr 2026
Spurensuche
Heute war der erste Mai. Als Feiertag bedeutet er mir nichts. Wie sollte er auch in einem Pensionistendasein eine besondere Rolle spielen? Ein Tag wie jeder anderen, abgesehen davon, dass die Geschäfte geschlossen haben.
Auf jeden Fall ist eine meiner kleine Freuden, dass ich am ersten Mai nach einem Maistrich Ausschau halte. Noch besser finde ich natürlich mehrere Maistriche.
Meine 8-Kilometer-Runde führt mich über Breitenwaida an Dietersdorf heran und wieder nach Hause. Ich bin heute extra in Breitenwaida einen Umweg zusätzlich gelaufen, auf der Suche nach einem Maistrich. Am Weg aus Furth heraus habe ich kurz geglaubt, dass die weißen Flecken am Recyclingweg womöglich Farbspritzer sein könnten. Das hätte zwar bedeutet, dass jemand, der sich irgendwo am Asphalt verewigt hat, dann von Furth nach Breitenwaida gegangen wäre, noch dazu mit Pinsel oder Farbkübel in der Hand. Ziemlich unwahrscheinlich natürlich, aber theoretisch möglich.
Angeblich stirbt die Hoffnung zuletzt. Ob das so ist, weiß ich nicht. Meine jedenfalls nicht.
Beim Entlanglaufen des Wegs wurde mir klar, dass die Spur nicht von herabtropfender Farbe stammte sondern bloß von Vogelkot.
Vögel gibt es immerhin, Maistriche scheinbar nicht. Weder in Furth noch in Breitenwaida habe ich einen gefunden.
Die einzige Erkenntnis für mich war, dass heute, am 1. Mai, in Breitenwaida so etwas wie ein Floriani-Fest abgehalten wurde. Feldmesse, die eigentlich eine Wiesenmesse war, Hüpfburg für Kinder und Mittagstisch für alle Besucher. Vom Schnitzel, über Schweinsbraten bis Cevapcici. Ein paar andere Sachen gab es auch noch, aber das habe ich mir nicht gemerkt, so beim Vorbeilaufen.
Der Kuckuck hat gerufen. Aber nicht das erste Mal in diesem Jahr. Ich habe ihn schon mehrmals bei meinen Morgenläufen gehört. Das erste Mal habe ich kurz geklimpert, mit Schlüsseln, weil Münzen hatte ich keine bei mir.
Noch so ein Brauch, der wohl verschwindet. Wenn ich daran denke, werde ich nächsten April Münzen zum klimpern mit mir tragen – wenn der Kuckuck ruft.
Ich glaube, das würde dir gefallen 🙂
Bilder von dir
Da gibt es irgendein Lied, moderner wohl eigentlich einen sogenannten Song, in dem es heißt: Bilder von dir überdauern. Das fiel mir zwar ein, als ich den Eintrag betitelt habe, aber dieser Beitrag hat nichts mit dem Lied zu tun.
Zum Einen hast du im Haus, besser und richtiger statt Haus ist Zuhause, viele Bilder aufgestellt oder auch aufgehängt. Vor allem Bilder mit Texten wie beispielsweise: Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden. Oder: Mein ganzes Glück sagt Mama zu mir. Und auch Fotos von einigen Fotoshootings. Und mehr.
Zum Anderen habe ich einige Fotos von dir aufgestellt und manchmal sehe ich mir Fotos von dir an, die nicht irgendwo im Raum stehen sondern entweder am PC gespeichert sind oder tatsächlich als ausgearbeitetes Foto da sind.
Manchmal, wenn ich mir mehrere Fotos angesehen habe, von Urlauben, von Orten, die wir gemeinsam besucht haben, manchmal habe ich Angst. Oder ich fühle so etwas ähnliches wie Angst, vielleicht habe ich nur eine Befürchtung.
Je mehr oder je öfter ich Fotos betrachte, umso mehr oder öfter schleicht sich eine Angst ein, dich real in der Erinnerung zu „verfälschen“ durch die Bilder die ich betrachte. Ich versuche dann, in mir das reale Bild von dir abzurufen oder zu erzeugen, mich an dich zu erinnern, an dich wirklich, nicht als Abbild am Foto.
Gut ist, dass es Fotos gibt, auf denen du in verschiedenen „Outfits“, aber nicht nur kleidungsmäßig sondern auch frisurmäßig, seriöser Haarschnitt, lange Locken, sommerblond und mehr zu sehen bist. Auf denen du einfach du bist. Bist wie du warst.
Und so bist, wie du bist. In meinen Gedanken, in meinen Gefühlen. Und manchmal im Traum.
Vielleicht würde ich lieber mehr Zeit im Traum verbleiben.
Bei dir.
27.3.2026
Keine Veränderungen
Zum Geburtstag
Mit den Augen
Heute hatte ich einen Termin beim Optiker meines Vertrauens. Der Spruch „meines Vertrauens“ ist natürlich nicht meine Wortschöpfung. Allerdings muss ich zugeben, ich weiß ad hoc nicht aus welcher Werbung er stammt. Fällt mir vielleicht ein, wenn ich es nicht brauche. Ist so.
Meines Vertrauens bezieht sich aber schon auf die Person des Optikers, nachdem unser langjähriger, wohlbewährter Optiker das Unternehmen verlassen hat, ist ihm sein Ersatzmann quasi ebenbürtig. Finde ich.
Die Wahl des Glases obliegt ihm, dem Optiker. Die Wahl der Fassung letztlich mir. Leider. Aus Dreien zu wählen ist schwierig. Klar sehe ich sie, wie sie vor mir liegen oder mich damit im Spiegel. Mit meinen Augen. Was mir fehlt sind deine Augen. Deine Meinung, dein Blick. Für mich.
Wenig überraschend ist es ein Modell geworden, dass meiner alten Bildschirmbrille doch ähnelt, wenn auch nicht gleicht. Könnte ich, würde ich die gleiche Fassung erneut kaufen. Du weißt. Gibt es aber nicht mehr.
Die neue Fassung habe ich gewählt, weil sie am angenehmsten am Kopf lag. Form und Farbe sind eigentlich egal, weil ich damit vorwiegend vor dem Bildschirm sitze als durch die Welt zu gehen. Wobei, die Welt ist für mich ziemlich überschaubar, eigentlich ist es meine kleine Welt. Mit der großen weiten Welt habe ich nicht viel im Sinn.
Obwohl: manche Orte, die wir besuchen wollten, nochmals, weil wir schon dort waren oder erstmals, habe ich auf einer Art Bucket-List notiert. Ob ich es schaffe welche davon heimzusuchen? Oder alle? Alle eher nicht, welche davon vielleicht.
Ich weiß nicht, ob ich Orte, an denen wir gemeinsam waren alleine besuchen mag. Soll. Oder nicht.
Bei unserem letzten Treffen hat mich Doktor T gefragt: Warum leben Sie nicht?
Wie er das genau gemeint hat, also den Kontext zu dieser Frage, beschreibe ich jetzt hier nicht, aber die Grundsatzfrage war wohl berechtigt, wenn auch so vielleicht nicht gemeint.
Was ist es, was bedeutet es, zu leben? Am Leben zu sein? Oder mehr?
Manchmal wird mir bewusst, wie ich etwas mit den Augen sehe. Mit meinen, aus meinem Blickwinkel. Manchmal sitze ich dann auf deinem Platz. Manches sieht dann anders aus. Hast du das so gesehen?
Ich vermisse dich. Unsagbar.
4.3.2026
Eine Parte
Letzte Nacht muss es geschneit haben. Das erklärt natürlich die doch beachtliche Menge Schnee, die heute Morgen auf Straße und Gehsteig liegt. Natürlich habe ich die Garagenauffahrt und den Gehsteig vom Schnee befreit. Jetzt am Nachmittag ist auch die Straße vor dem Haus nahezu schneefrei, zumindest die Fahrbahn. Es hat getaut.
Nachmittags war ich spazieren, weil die Sonne schien und weil ich derzeit, den widrigen Wetterbedingungen geschuldet, nur selten laufe. Am Weg nach Hause kam mir Frau R in den Sinn und dann deren Parte. In den Sinn kam sie mir, weil ich die leere Bank am Wegesrand sah, auf der sie manchmal gesessen ist und an der ich immer wenn ich diese Strecke laufe vorbei komme.
Ich hatte nach ihrem Tod eine Parte bekommen und irgendwann, geschätzt nach einem halben Jahr, den Franzi R gefragt, ob er die Parte seiner Mutter haben möchte, um sie aufzuheben oder wofür auch immer. Er meinte, ich könne sie wegwerfen.
So eine Parte wird formuliert, da wird überlegt, gegebenenfalls nach Worten gesucht, dann wird sie gedruckt und versendet oder persönlich zugestellt. Und dann?
Beim Gehen kam mir dann die Gestaltung einer Parte, also meiner Parte, in den Sinn. Ich setze voraus, dass die Kinder eine Parte drucken lassen. Immerhin benötigen sie nicht viele an der Stückzahl.
Mein Ansatz, zumindest derzeit, ist der: Wer im Leben keinen Kontakt mit mir hielt, braucht auch im Tod keinen zu halten. Wobei, das ginge ohnehin nicht. Natürlich ist Kontakthalten keine Einbahnstraße.
Anders formuliert: Wem ich lebend nicht wichtig war, dem brauche ich auch tot nicht wichtig zu sein.
Also, wenn sich nichts gravierend ändert, wird die Zahl an nötigen Parten ziemlich übersichtlich sein: Kinder, Geschwister, Nichten und Neffen, weil es wohl so üblich ist die Schwiegereltern der Kinder, mein Onkel, wenn er noch lebt. Dazu zwei, drei weitere Verwandte und vielleicht eine Handvoll Nichtverwandter. Und aus. Das sind nicht mal zwanzig.
Oft sage ich: Ich habe keine Freunde. Offenbar stimmt das.
Viele Parten braucht es also nicht, aber ich hätte gerne eine Parte, die schön ist. Am liebsten irgendwie so bunt und auch mit Goldfarbe, wie eine russische Ikone.
Natürlich nicht auf Holz. Papier reicht. Selbst das hat mich dann de facto überlebt.
20.2.2026



